Athen

Mein Favorit dieser faszinierenden Stadt war - ist - das Archäologische Nationalmuseum, noch vor der Akropolis und der Agora. Das über 30.000 Quadratmeter große Museum beherbergt über 11.000 ausgestellte Exponate, vor allem aus der griechischen Antike. Besucht Ihr die Hallen dieses ehrwürdigen Gebäudes, macht Euch bewusst, das auch in den Kellergewölben unter Euch Jahrtausende alte Schätze schlummern, da sämtliche Kunst- und Gebrauchsgegenstände, die bis in unsere heutige Zeit auf griechischem Boden gefunden wurden, in dieses Museum transportiert wurden. Alleine die Skulpturensammlung beinhaltet über 16.000 Nummern, ausgestellt sind lediglich 900 Exponate. Die Beschriftungen in den insgesamt 52 Räumen sind in griechisch und englisch gehalten, die Präsentation der Ausstellungsstücke (auch in den für wechselnde Sonderausstellungen vorbehaltenen 3 Räumlichkeiten) ist hervorragend. Ich schlenderte einen vollen Tag durch die Hallen des Museums, ließ unzählige, bereits in Frankfurt zur Begutachtung ausgewählte Plastiken, Kunst- und Kulturschätze (wie die Totenmaske des Agamemnon) auf mich wirken und staunte über die Fresken der archäologischen Ausgrabungsstätte von Akrotiri auf Santorin ("Der Frühling").

Während der Eintritt günstig ist, stehen Euch überteuerte Guides (jene könnt Ihr tatsächlich stundenweise anmieten) zur Verfügung. Mein Ratschlag lautet jedoch, einige Stunden in die Vorbereitung zu investieren, denn die Kunsthallen dieses Museums solltet Ihr selbst erforschen. Mein Highlight der zur Besichtigung freigegebenen Exponate ist der Mechanismus von Antikythera (siehe unten), weitere großartige Ausstellungsstücke sind unter anderem die Statue Kroisos-Kouros, das Relief mit dem Raub der Nymphe Basile durch Echelos oder die Schale mit Frühform des griechischen Alphabets.

 

Der 2002 erschienene Museumskatalog Sculpture in the National Archaeological Museum, Athens war für meine Vorbereitungen in Frankfurt ein wertvolles Hilfsmittel, obwohl er natürlich vor der 2009 abgeschlossenen Museums-Erweiterung um 24.000 Quadratmeter veröffentlicht wurde. Dieses Buch ist nach wie vor das Standardwerk über diesen Hort griechischer Kultur.  

Der Mechanismus von Antikythera

Exponat im Archäologischen Nationalmuseum von Athen, 28is Oktovriou 44, Athina 106 82, Griechenland.

 

Der Mechanismus von Antikythera ist einer der bemerkenswertesten Objekte, vor denen ich je gestanden habe, noch vor der Karte des Piri Reis, die sich im Topkapi-Palast in Istanbul befindet. Ganze Forschergenerationen haben sich mit diesem hochkomplexen, aus Bronze gefertigten Gegenstand beschäftigt (ähnlich der Auseinandersetzung mit dem Voynich Manuskript), um Sinn und Zweck des Gegenstandes zu entschlüsseln. MA, wie ich den Mechanismus der Einfachheit halber selbst bezeichne, war für mich einer der Gründe, überhaupt nach Athen zu reisen, denn auf kürzere Distanz als im Nationalmuseum - hinter Glas in der Abteilung für Bronzegegenstände - werde ich mich dieser Kuriosität, die aus der hellenistischen Ägäis des späten, 2. vorchristlichen Jahrhunderts stammt, aller Voraussicht nach niemals annähern. So dachte ich während meiner Reiseplanung jedenfalls. Im Jahr 2016 verließ der mysteriöse Gegenstand schließlich - zum 1. Mal seit seiner Einlagerung überhaupt - das Athener Nationalmuseum und wurde außer Landes geschafft, um ihn im Basler Antikenmuseum anzulanden. Hier begutachtete ich das Instrumentarium letztlich ein 2. Mal.

Der Versuch, die Bedeutung des Mechanismus vollumfänglich zu begreifen, war in der Tat - größtenteils -  erfolgreich. Die Geister, die ihn schufen, waren ihrer Zeit (nach jetzigem Erkenntnisstand) um mindestens 1.000 Jahre voraus: Komplexe In- und Skalenbeschriftungen in Altgriechisch, eine verblüffende Feinmechanik mit mehr als 80 Einzelteilen, darunter etwa 30 Zahnräder mit bis zu 224 Zähnchen, sind bisher per Hightech- Röntgen-Tomograph identifiziert. Mehr - der Gegenstand ist nicht vollständig erhalten - werden auch nicht hinzukommen. Aus wie vielen Einzelteilen der Mechanismus tatsächlich bestand, ist leider nicht bekannt.

Der Mechanismus stellt eine Art Mikro-Planetarium dar, ein bewegliches Modell für die beobachtbaren Bewegungen von Sonne, Mond (inkl. einer komplexen Vorausberechnungs-Möglichkeit ihrer Finsternisse) und (wahrscheinlich) sämtlicher der damals bekannten  Planeten. Die Abläufe werden auf dem Instrumentarium, das zuweilen als erster Computer der Menschheitsgeschichte bezeichnet wird, mit mehreren zueinander synchron bewegten Zeigern nachgebildet. Das größte Einzelteil misst 18x15 Zentimeter, das kleinste wenige Millimeter. Noch fehlt eine Sozio-historische Theorie, wie dieser technologische Gegenstand im 2. vorchristlichen Jahrhundert erschaffen werden konnte.